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Buchbesprechung vom 15.12.2007


Götz Aly u. Michael Sontheimer. Fromms. Wie der jüdische Kondomfabrikant Julius F. unter die deutschen Räuber fiel. (S. Fischer Verlag, 2007)

Unter Räubern

Von Rainer Clodius

Viel wurde mittlerweile über die Täterrolle deutscher Konzerne während der NS-Diktatur veröffentlicht. Daimler-Benz, Deutsche Bank oder Bertelsmann etwa haben selbst Studien in Auftrag gegeben, um die Verstrickung ihrer Konzerne in die Wirtschafts- und Eroberungspolitik der Nazis zu untersuchen. Dem Schicksal jüdischer Firmen während jener Zeit hat die Forschung jedoch deutlich weniger Aufmerksamkeit gewidmet. Götz Aly und Michael Sontheimer haben mit ihrem Buch „Fromms“ ein Stück dieser Geschichte der Vergessenheit entrissen.

Der Historiker Götz Aly hatte bereits mit seiner wichtigen Studie „Hitlers Volksstaat“ vor zwei Jahren eine Untersuchung vorgelegt, in der er nachwies, inwieweit der NS-Staat nicht nur durch Repression funktionierte, sondern gerade auch durch Teilhabe der „arischen“ Bevölkerung am Raub des Vermögens der vertriebenen und deportierten Juden. Sein mit dem Berliner Journalisten Michael Sontheimer gemeinsam verfasstes Buch „Fromms. Wie der jüdische Kondomfabrikant Julius F. unter die deutschen Räuber geriet“ ist eine Vertiefung und wichtige Ergänzung des Themas.
 
Der 1883 geborene Kondomfabrikant Julius Fromm, dessen Name lange Zeit als Gattungsbezeichnung synonym für sein Produkt stand, emigrierte Ende des 19. Jahrhunderts mit seinen Eltern aus einem jüdischen Schtetl in Russland nach Berlin. Die Familie lebte zunächst im Scheunenviertel, der End- oder Übergangsstation aller ostjüdischen Immigranten Berlins. Julius arbeitete sich rasch nach oben: 1912 beginnt er ein Abendstudium der Chemie und eröffnet bereits 1914 sein „Geschäft für Parfümerien und Gummiwaren“. Der Erste Weltkrieg mit einem sprunghaften Anstieg von Infektionen durch Geschlechtskrankheiten in Feld- und vor allem Besatzungsheer sicherte seinen Kondomen, die durch spezielle Präparation des Grundstoffs Kautschuk technisch deutlich ausgereifter waren als die Produkte der in- und ausländischen Konkurrenz, einen riesigen Markt. Nach dem Krieg stieg die Produktion unaufhörlich und 1931 produzierte die Firma „Fromms Act“ bereits 50 Millionen Kondome pro Jahr.
 
Der jüdische Unternehmer, der 1920 nach jahrelangen Anstrengungen endlich die deutsche Staatsbürgerschaft erhielt, konnte oder wollte sich nicht vorstellen, dass die staatlich sanktionierte antisemitische Gewalt nach 1933 auch ihm galt, bis Streichers Hetzorgan „Der Stürmer“ 1936 eine gezielte Kampagne gegen die „Judenfirma Fromm“ startete. Julius Fromm betrieb nun die Emigration aus Deutschland und war gezwungen, seine Firma für einen Spottpreis zu verkaufen. Käuferin war ausgerechnet Hermann Görings Patentante, Baronin Elisabeth von Epenstein, die ihrem Patensohn für die Vermittlung des famosen Geschäfts im Gegenzug zwei mittelalterliche Burgen schenkte.
 
1938 konnte Julius Fromm emigrieren und erhielt durch die deutschen Behörden mit der britischen Kriegserklärung an Deutschland den Status eines „feindlichen Ausländers“, was sich zunächst insofern als vorteilhaft für ihn erwies, als damit sein in Deutschland verbliebenes Vermögen zwar der „Feindvermögensverwaltung“ unterstand, jedoch nicht durch das Deutsche Reich kassiert werden konnte. Die Nazibürokratie war jedoch findig genug, diesem unbefriedigenden Status ein Ende zu bereiten. Mit Beschluss der Staatssekretärskonferenz wurden die Emigranten kurzerhand wieder zu deutschen Staatsbürgern gemacht.
 

Dieser nur scheinbar paradoxe Akt verfolgte das Ziel, die Emigrierten den Reichsgesetzen zu unterwerfen, mit deren Hilfe die inländischen Juden enteignet wurden. … Faktisch war Fromms Vermögen genau einen Monat vor dem nachholenden Beschluss der Staatssekretärskonferenz vom 13. November aus der treuhänderischen Verwaltung in das Eigentum des Reiches überführt worden.

Die in Deutschland verbliebenen Bankguthaben konnten nun eingezogen und das restliche Vermögen zugunsten der arischen Volksgenossen verwendet werden. Die Villa der Fromms wurde für einen Bruchteil des tatsächlichen Wertes einem höheren Wehrmachtsoffizier zugeschlagen, der bewegliche Hausrat im Rahmen einer der Berliner „Judenauktionen“ öffentlich versteigert – natürlich erst, nachdem sich höhere NS-Chargen bereits am wertvolleren Gut wie Konzertflügel und Bibliothek bedient hatten.
 

Da während des Krieges in Berlin etwa 500 derartige Auktionen stattfanden, werden etwa 80 000 Berliner und Berlinerinnen daran teilgenommen haben. Legt man die Einnahmen vom 17. Mai 1943 als durchschnittlich zugrunde, dann erbrachten allein die Versteigerungen des Hausrats in Berlin 13,5 Millionen Reichsmark für die Staatskasse. Das würde heute Zusatzeinnahmen von 130 Millionen Euro entsprechen.

Bis Kriegsende blieb Julius Fromm in London. Er starb dort am 12. Mai 1945 an Herzversagen, der Familienlegende nach, „weil er sich über den Untergang der Nazis und auf die Rückkehr nach Deutschland so sehr gefreut hatte.“ Das letzte und unwürdigste Kapitel der Enteignung seines Eigentums zu erleben, blieb ihm dadurch erspart. Die im Ostteil Berlins gelagerten Produktionsstätten der Fromms wurden 1949 aufgrund eines Ukas der sowjetischen Militäradministration gegen Kriegsverbrecher durch die DDR-Regierung sozialisiert, die jedoch genau wusste, das jener Erlass auf Fromm nicht anwendbar war. Folglich wurde in bewährter deutscher antisemitischer Tradition „Belastungsmaterial“ gegen den „jüdischen Inhaber“ und „kapitalistischen Ausbeutertypen“ produziert.
 
Aly und Sontheimer haben ihr Material aus entlegensten Archiven zusammentragen müssen, weil das Firmenarchiv längst verschollen ist. Penibel genug war dank deutscher Bürokratengründlichkeit immerhin die amtliche Akte zur „Entjudung“ der Firma Fromm. Die Autoren konnten zudem noch einige Mitglieder der Familie Fromm befragen, da der größte Teil der Familie mit viel Glück der Ermordung in den Konzentrations- und Vernichtungslagern der Nazis entkam. „Fromms“ ist keine trockene Geschichtslektion – die Fakten selbst sprechen ein klares moralisches Urteil -, sondern eine bewegende und im besten Sinne lesbar geschriebene Biografie. Dass das Buch außerdem deutlich macht, wie viel Anstrengung noch auf die Aufarbeitung jenes unsäglichen Kapitels staatlich legitimierte Gangstermethoden verwandt werden muss, ist nicht sein kleinstes Verdienst.

Götz Aly u. Michael Sontheimer. Fromms. Wie der jüdische Kondomfabrikant Julius F. unter die deutschen Räuber fiel. S. Fischer Verlag, Frankfurt/M., 2007. 224 Seiten, 19,90 €.



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Götz Aly u. Michael Sontheimer. Fromms. Wie der jüdische Kondomfabrikant Julius F. unter die deutschen Räuber fiel

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