Katja Oskamp. Die Staubfängerin. Roman. (Ammann Verlag, 2007)
Die Putzneurose der Staubfängerin
Von Rainer Clodius
Von Tanja Merz, der Tochter eines NVA-Offiziers und einer Schuldirektorin lasen wir zuerst in Katja Oskamps Prosadebüt „Halbschwimmer“ von 2003. Wie Tanjas Lebensgeschichte sich forsetzt, erfahren wir nun aus dem zweiten Buch der Autorin, dem Roman „Die Staubfängerin“.
„Halbschwimmer“ erzählte in losen Episoden von Kindheit und Jugend in der DDR bis in die direkte Nachwendezeit. In „Die Staubfängerin“ ist die Protagonistin mittlerweile erwachsen geworden und arbeitet an einem kleinen Theater der nordostdeutschen Provinz als Assistentin der Regisseurin Anita, von der sie ausgenutzt und schikaniert wird. Dort trifft sie auf den zwanzig Jahre älteren Generalmusikdirektor Edgar, in den sie sich verliebt und in dessen dörfliches Reihenendhaus sie bald einzieht. Die lockere Regieassistentin wird schnell Ehefrau und Mutter einer Frühgeburt. Tochter Paula, nach nur einunddreißig Wochen Schwangerschaft geboren, liegt im Inkubator; der Arzt weist auf die Notwendigkeit des Schutzes vor Infektionen hin. Die Sorge um das Kind wächst sich zur Putzneurose aus: von Edgar, der wochenlang auf Konzerttourneen ist, vernachlässigt, verwandelt sich Tanja in einen wahren Putzteufel, der wahnhaft damit beschäftigt ist, jeden nur vermuteten Keim im Reihenendhaus zu vernichten. Bald ist Edgar jedoch wegen mangelnder Aufträge immer häufiger zu Hause und die zu erwartende Tragödie nimmt ihren Lauf.
Edgar, genervt von Tanjas Putzwut, zieht sich in das Gewächshaus im Garten zurück: „Wie ich vor zweieinhalb Jahren neben dem Inkubator ausgeharrt hatte, saß Edgar nun neben der Kamelie im Gewächshaus.“ Tanja, auf der anderen Seite, nimmt Edgar nur noch als abstoßend war: „Das Hemd hing ihm schon wieder aus der Hose.“ Sie verbringt die Zeit damit, manisch seine Schmutzspuren im Haus zu beseitigen. Schließlich unternimmt Tanja den befreienden Schritt zur Beendigung des Ehedramas.
Das Ende, bei dem sich Tanja buchstäblich ganz schön weit aus dem Fenster lehnt, ist dann tatsächlich „scharf“, wie der Klappentext verrät, aber nur oberflächlich betrachtet ein Happy End. Hinter der neuen Beziehung, die sie eingeht, sind für den, der die Signale und Vorgeschichte zu lesen versteht, bereits die drohenden Wolken am Himmel sichtbar, die das kommende Gewitter ankündigen.
Diese Geschichte einer Ehehölle ist mit einer Leichtigkeit und Selbstverständlichkeit geschrieben, wie man sie lange nicht mehr gelesen hat. An diesem Roman stimmt alles, aber auch wirklich alles. Katja Oskamp erzählt die Geschichte einzig aus der subjektiven Perspektive Tanjas, die übrigen Personen klingen wie Stimmen aus dem Off. Der Leser muss sich die Mühe machen, die Binnenperspektive zu durchdringen, da Katja Oskamp auf die explizite Konstrutkion mehrerer Perspektiven bewusst verzichtet hat. Wie dann allerdings Tanjas einzige Sicht der Dinge immer wieder implizit gebrochen wird, das hat ganz große Klasse. Die Figur der Tanja Merz ist vielschichtig genug: eine Fortsetzung ihrer Lebensgeschichte auf dem Niveau der „Staubfängerin“ wäre ein großes Geschenk.
Katja Oskamp. Die Staubfängerin. Roman. Ammann Verlag, Zürich, 2007. 224 Seiten, 17,90 €.