Phil LaMarche. American Youth. Roman. (Antje Kunstmann Verlag, 2007)
Schuld und Verantwortung
Von Rainer Clodius
Es ist nur ein unglücklicher Unfall in Neu-England: Als der pubertierende Teddy deClare seine beiden Freunde Bobby und dessen Bruder Kevin zu sich nach Hause einlädt, löst sich ein Schuss aus der Waffe, die Teddy den beiden nur zeigen wollte. Er hatte im falschen Moment das Zimmer verlassen und vorher noch unglücklicherweise das Kleinkalibergewehr geladen, als Kevin die Waffe nimmt und versehentlich seinen Bruder tötet. Teddys Mutter befiehlt ihm, auf keinen Fall der Polizei zu gestehen, dass er das Gewehr geladen hatte. Er weiß um seine Schuld, schweigt allerdings wie befohlen.
An der neuen Schule, auf die er anschließend geschickt wird, findet er keinen Anschluss, wird allerdings von einer Gruppe Halbwüchsiger umworben, die sich „American Youth“ nennen und bei ihren Treffen über amerikanische Werte und deren vermeintlichen Niedergang diskutieren. In Teddy sehen sie eine Art Held, der das amerikanische Recht auf Schusswaffenbesitz verteidigt. Auf ihren Autos prangen Sticker mit ihren Wahlsprüchen: „Wer meine Fahne anzündet, wird brennen; ein Toter Kommie für Mommie; Abtreibung = Mord; mit Schwertes Flammen.“
Teddy erlebt bei ihnen etwas Neues: sie bewundern ihn als Helden, bei ihnen kann er sich erwachsen fühlen – und, was das Wichtigste ist: Die Gemeinschaft mit ihnen betäubt das bohrende Gefühl der Schuld, das er seit Bobbys Tod in sich trägt. Bald muss er jedoch erkennen, dass die „politischen“ Diskussionen der „American Youth“ nur eine Art Vorgeplänkel sind, das letztlich in physische Gewalt übergeht. Als sich die Aktionen der Gruppe auch gegen Kevin und seine alleinerziehende Mutter richten, weil diese nicht in ihr „amerikanisches Weltbild“ passen, beginnt sich Teddy allmählich von der Gruppe zu lösen. Es ist der erste Schritt auf seinem steinigen Weg zur Entscheidung sich seiner Schuld und Verantwortung zu stellen.
Der einundreißigjährige amerikanische Autor Phil LaMarche hat mit „American Youth“ ein überzeugendes Romandebüt vorgelegt. Er erzählt stimmig die Geschichte eines Jungen an der Grenze zum Erwachsenwerden während der amerikanischen Wirtschaftskrise von 1990/91. Teddys Vater findet eine angemessen bezahlte Arbeit nur Hunderte von Meilen von der Familie entfernt, so dass der Junge ohne väterliche Erziehung das Erwachsenwerden lernen muss. Die Mitglieder der „American Youth“ sitzen wie alle Nazis Verschwörungstheorien auf und machen das Phantom des „Unamerikanischen“ verantwortlich für den wirtschaftlichen Untergang ihrer Kleinstadt, der doch tatsächlich in der Rezession begründet ist. In ihrer Moral der Unmoral kann selbst Teddys Schuld zur Heldentat umgedeutet werden.
Phil LaMarche erzählt davon in einer augenscheinlich an Hemingway und Cormac McCarthy geschulten Sprache und vermeidet geschickt jeden pathetischen Ton. Malte Kutzsch hat den Roman adäquat ins Deutsche übersetzt. „American Youth“ ist ein sehr solides Debüt, das gespannt macht, wie der Autor seinen Weg als Romanautor fortsetzt.
Phil LaMarche. American Youth. Roman. Antje Kunstmann Verlag, München, 2007. 240 Seiten, 17,90 €.