Hanns-Josef Ortheil. Das Verlangen nach Liebe. Roman. (Luchterhand Literatur Verlag, 2007)
Ein Liebesmärchen
Von Rainer Clodius
Hanns-Josef Ortheils großes Thema ist die Liebe. Sein neuer Roman „Das Verlangen nach Liebe" handelt von nichts anderem. Die Liebesgeschichte von Judith und Johannes ist eine Liebesgeschichte und nichts sonst.
An einem sonnigen Herbsttag in Zürich trifft der Konzertpianist Johannes zufällig auf seine ehemalige Lebensgefährtin Judith, die er vor achtzehn Jahren verlassen hatte. Johannes trug schwer an dieser Trennung, die doch, wie wir gegen Ende des Romans erfahren, letztlich aus einer Lappalie resultierte; er stürzte anschließend in eine schwere Depression, fand mit Mühe zurück in seine Arbeit als Pianist und hatte danach nie wieder eine feste Beziehung im eigentlichen Sinne. Er lebt für seine musikalische Karriere, in der er mittlerweile international erfolgreich ist. Um das Geschäftliche kümmert sich seine Agentin Tanja Gerke, die auch von Zeit zu Zeit dafür sorgt, dass seine sonstigen Bedürfnisse als Mann nicht zu kurz kommen.
Während Johannes in Zürich weilt, um ein Konzert Mozartscher Sonaten zu geben, hält sich Judith dort auf, um als Kuratorin eine Ausstellung „Ländereien der Malerei“ vorzubereiten. Auch sie, deren Verhalten einmal Schuld war an der Trennung von Johannes, hatte sich in den verflossenen achtzehn Jahren vollständig auf ihre Karriere als Kunsthistorikerin konzentriert, die Raum nur für drei kurze und flüchtige Beziehungen ließ.
Als Johannes sie das erste Mal in Zürich auf einer Parkbank in der Sonne schlafend findet, traut er sich nicht sie anzusprechen. Er fotografiert sie lediglich und lässt sie, ohne dass sie ihn bemerkt, gehen. Erst als Judith am folgenden Tag auf ihn trifft, kommt es zu einem Gespräch, das sich jedoch nicht auf ein flüchtiges „Hallo, wie geht es? Was treibst du so?“ beschränkt, sondern sofort die einst jäh unterbrochene Nähe wieder herstellt. Behutsam tasten sich beide an einen Neubeginn ihrer Beziehung heran, sie verbringen eine gemeinsame Nacht in Judiths Hotel und sehen sich täglich. Als Johannes ein paar Tage später Zürich verlassen muss, wissen beide, dass sie sich nie wieder trennen wollen. Ob sie sich wiedersehen werden, lässt der Schluss offen.
Was die beiden verbindet, ist eine selbstverständliche und gewissermaßen voraussetzungslose Liebe. Als sich Johannes‘ Agentin Tanja zum Aufenthalt in Zürich ankündigt, befürchtet der gemeine Leser natürlich Komplikationen: Wie wird Johannes mit der gleichzeitigen Anwesenheit beider Frauen, die sich ja keineswegs nur mütterlich um ihn kümmern, umgehen, wie seine Treffen mit ihnen organisieren? Von Tanja sagte Hannes an einer Stelle: „Es ist ja nicht Liebe, die uns zusammenführt, nein, wir lieben höchstens das stabile Bild, das wir abgeben, wenn wir Arm in Arm durch eine Stadt schlendern oder uns zum Essen in einem italienischen Restaurant treffen.“ Sie verzichtet mit nur kleinem Bedauern zugunsten des Geschäftlichen auf das Private mit Johannes. Ähnlich auch Judiths Assistentin Anna: Diese ist wohl verliebt in Johannes, doch zwischen ihnen kommt es außer zu schöngeistigen Gesprächen zu nichts Anderem, auf das Judith eifersüchtig sein müsste. Wobei sich Johannes allerdings fragt: „Was wäre, wenn Du hier in Zürich nicht zufällig Judith begegnet wärest, sondern Anna?“.
Das Buch erzählt von reiner Harmonie, die Dissonanzen liegen weit vor der Zeit, von der es berichtet, und waren auch nur von kurzer Dauer: Alle Figuren finden höchste Erfüllung in ihrer beruflichen Tätigkeit – sogar die abhängig Beschäftigten, wie die Hotelrezeptionistin Franziska macht da keine Ausnahme – und alle leben in einem gar nicht zerstörbaren Frieden miteinander. Zürich ist eine paradiesische Stadt, die Kellner freundlich, die Mahlzeiten zu Mittag oder Abend göttlich und die Gespräche haben höchstes geistiges Niveau.
Warum, fragt man sich, sollte man so etwas, das in der knappen Inhaltsangabe ja an ein Liebesromanheftchen erinnert, lesen oder auch nur glauben? Es ist einzig die Sprache, die diesen Roman und dessen Welt zusammen hält.
Inmitten der an seinem Ufer entlang laufenden Kastanienallee war ich stehengeblieben und hatte den Anblick genossen: Die sanften, auf und ab schwingenden, schon leicht ins Dunkle gefärbten Hügel des gegenüberliegenden Ufers, das zu den Alpenketten der Ferne ausholende Graublau der stillen Wasserfläche, den Abdruck der auf ihr herumgeisternden Sonnenstreifen, die sich wie matte, breite Pinselstriche quer über diesen diffusen Grund legten. Ich hatte ausgeatmet, spürbar und erleichtert, diese Ankunft war noch schöner, als ich es erhofft hatte, die Szenerie, das Wetter und ein ruhiger Herbst spielten mit, im Normalfall wäre ich sofort zu einem langen Spaziergang am Seeufer entlang aufgebrochen, denn so hatte ich es ja geplant: gehen, weit gehen, langsam eindringen in dieses mir von vielen früheren Besuchen vertraute Terrain, nach einer oder zwei Stunden irgendwo am Ufer ein Glas Wein, und dann, vielleicht, mit einem Schiff wieder zurück.
So beginnt der Roman und hält dieses Niveau sprachlicher Schönheit bis zur letzten Seite ohne Brüche durch. In dieser vollendet schönen Sprache hätte die schnöde Wirklichkeit nicht erzählt werden können und wurde daher von Ortheil auch konsequent ausgeblendet. Allein dieser Sprache wegen ist – allen Einwänden zum Trotz – „Das Verlangen nach Liebe“ ein betörend schöner Roman geworden.
Hanns-Josef Ortheil. Das Verlangen nach Liebe. Roman. Luchterhand Literatur Verlag, München, 2007. 320 Seiten, 19,95 €.