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Buchbesprechung vom 10.11.2007


David Albahari. Die Ohrfeige. Roman. (Eichborn, 2007)

„Die Antworten sind überall verstreut“

Von Rainer Clodius

David Albahari, 1948 in Serbien geboren, wanderte 1994 nach Kanada aus. Mit seinem diesjährigen Roman „Die Ohrfeige“ liegen mittlerweile sechs Bücher des Autors in deutscher Übersetzung vor.

Der Roman beginnt harmlos: der Ich-Erzähler, ein Belgrader Journalist und Übersetzer, beobachtet am Donauufer ein junges Paar. Gerade beißt er in einen Apfel, als der Mann scheinbar ohne Anlass der Frau eine Ohrfeige gibt. Der Ich-Erzähler folgt der Frau, verliert sie aber bald aus den Augen. In den folgenden Tagen findet er jedoch Zeichen und Signale, von denen er annimmt, dass sie bewusst ausgelegt wurden, um ihn auf die Spur der Frau zu bringen. Eine kleine Chiffreanzeige, die in Bezug zur Ohrfeige zu stehen scheint, verschafft ihm ein rätselhaftes Manuskript. Er folgt diesen Spuren und macht dabei Bekanntschaften im jüdischen Stadtteil Zemun. Ein Kabbalaforscher führt ihn in die Kabbala ein, worauf er sich in die Lektüre hermetischer Schriften stürzt: „immer länger blieb ich nachts wach und las kabbalistische Bücher aus seiner Bibliothek; immer seltener konnte ich an etwas anderes denken.“
 
Es ist das Jahr 1998, in Belgrad haben unter der nationalistischen Diktatur von Slobodan Milošević Verschwörungstheorien Konjunktur, Antisemitismus ist in der Gesellschaft virulent – wie nicht zuletzt auch die Reaktionen auf die zunehmend kritischen Zeitungskolumnen des Ich-Erzählers beweisen. Die große Presse verbreitet Regierungspropaganda, offen wird nicht widersprochen, maximal „bestand die Möglichkeit, dass ein Journalist schon auf den ersten Seiten ein subversives Detail einfügte, ein kleines Zeichen, das besagte, dass die Wirklichkeit doch nicht so war, wie die Regierung behauptete.“
 
Nicht nur das Umfeld des Ich-Erzählers wird Opfer antisemitischer Gewalt – die Ausstellung eines jüdischen Künstlers wird verwüstet, die Redaktion der Wochenzeitung, in der er seine Kolumne veröffentlicht, erhält Drohbriefe – auch er selbst wird bedroht: an seiner Wohnungstür finden sich Schmierereien wie „Wer sich einlässt mit Juden, landet im Jenseits“, auf dem Fußabtreter werden Kothaufen hinterlassen. Als er in seiner Kolumne auf die Diskriminierung von ethnischen Minderheiten in Serbien hinweist, lauert ihm eine Gruppe kurzgeschorener Schläger auf und schlägt ihn brutal zusammen.
 
Schließlich begegnet er der Frau, die Opfer der Ohrfeige zu Beginn des Romans war, und erfährt, dass diese Szene tatsächlich gezielt für ihn inszeniert wurde. Wie er schließlich in das Zentrum einer Art metaphysisch-kabbalistisch orientierter Widerstandsbewegung gerät, und wie erschütternd-resigniert das Buch endet, soll hier allerdings noch nicht verraten werden.
 
Der Roman ist als Monolog angelegt, mithin erfahren wir alles durch die Worte des Ich-Erzählers. Dieser Monolog entwickelt einen – übrigens glänzend von Mirjana und Klaus Wittmann übersetzten - packenden erzählerischen Sog, in den der Leser, der sich auf das Abenteuer dieses Buches einlässt, unweigerlich hineingezogen wird. Man sollte sich bei der Lektüre jedoch immer wieder zwingen, sich diesem Sog zu widersetzen: hier ist kein Wort überflüssig, jeder noch so unscheinbare Nebensatz enthält Hinweise und versteckte Spuren, die es zu entschlüsseln gilt. An einer Stelle schreibt Albahari: „Ich hatte mir immer vorgestellt, dass Bücher mit Fragen beginnen und mit Antworten enden, aber bei mir ist das anders, die Fragen häufen sich gegen Ende, und die Antworten sind überall verstreut.“ So ist es wohl: das Buch bietet keine einfache Lektüre, der geduldige Leser jedoch wird durch eine Erzählung von weltliterarischem Rang belohnt.

David Albahari. Die Ohrfeige. Roman. Eichborn, Frankfurt/M., 2007. 366 Seiten, 22,95 €.



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