Eckhard Henscheid. Auweia. (Antje Kunstmann Verlag, 2007)
Ein Hammer, dass die Bude wackelt
Von Rainer Clodius
Was soll man von einem Buch halten, von dem es bereits im Klappentext heißt: „Wenn Romane in der Regel Freude machen sollen, so gilt das für den vorliegenden Fall nur bedingt. Dieses Buch beabsichtigt mit durchaus künstlerischen Mitteln mehr oder weniger das Gegenteil.“ Die Lektüre von Eckhard Henscheids „Auweia“, dem der Autor selber die neue Gattungsbezeichnung „Infantilroman“ verpasst hat, kostete den Rezensenten keine geringe Mühe und Qual.
Die Inhaltsangabe des Buches ist kurz und knapp wiedergegeben: Die kleine Heidi ist Tennismeisterin im TC Leinen am Schanzle, wird internationaler Tennisstar, heiratet später Ron (ebenfalls ein Tennisstar), bekommt mit ihm zwei Kinder (Laden Bin und Johana Isidora Pia Fuck Surinam), besucht den Papst zu den Klängen des Badenweiler Marsches und landet schließlich gemeinsam mit dem Ehemann im Seniorenheim „Antje Schäffer-Kühnemann“.
Erzählt wird also eigentlich gar nichts, das allerdings in bemerkenswert inferiorer Sprache. Gleich zu Beginn lesen wir von Kleinkindchen Heidis Tennistraining: „Hoppsa! Das war aber knapp. Um ein Haar wäre Heidi – bummsti – auf die Nase gefallen.“ Ist okay, denkt der Leser, Heidi ist schließlich der Infantilität noch nicht entwachsen. Ist nicht okay, denkt der Rezensent, weil in diesem Stil fort geschrieben wird und er also die Qual der Wahl hat: Das ganze Buch möchten wir hier nicht zitieren, welches Zitat nehmen wir also? Zum Beispiel: „Heidi wirkt heute trotzdem absolut relaxed, Mutter und Tochter sind kaum zu trennen – und was aber macht das dicke Baby-Beauty jetzt schon wieder Schönes? O Heiland! Ein Bäuerchen! Ein Bäuerchen nach dem andern, daß die Bude wackelt! Heilandszack, was ein Bomber an kleinkindlicher Power! Ein Hammer.“
Welchen Grund gibt es nun, dieses Buch zu kaufen und gar zu lesen? Eigentlich nur einen einzigen: Die Lektüre dieses Buches erspart Ihnen für mindestens ein Jahr die Tortur, sich durch Nachmittagsshows, „Deutschland sucht den Superstar“, „Germany’s Next Topmodel“, Kerner-Talkshows mit Dieter Bohlen (O-Ton: „Ja, pass auf… ich komm aus der Tennishalle raus, seh' mein'twegen Paparazzi, mach' so 'ne Fresse. Du kannst denen ja nicht mit 'nem Tennisschläger ein' über'n Schädel zieh'n — würd' ich ganz gerne machen, weil es nervt total.“) und mehr zu zappen. Des Weiteren sparen Sie die Kosten für (mindestens) ein Jahresabonnement der „Bild“-Zeitung. All der mögliche und unmögliche Jargon, den Sie dort zu hören bzw. zu lesen bekommen, erhalten Sie mit Henscheids Roman für gerade einmal 15 Euro. Ist das kein gutes Angebot? „Es ist voll, voll, voll geil“ (Dieter Bohlen). Oder, wie unsere Heldin Heidi sagt: „Du kriegst die Krise.“
Nein, ernsthaft: Zum Wörterbuch „scene-deutsch“ schrieb Henscheid 1983, Bestandteile des damaligen Szene-Jargons verwendend: „Ein Dokument dürfte es bleiben – nicht für die allerübelsten Jahre. Es möchte sein, daß man sich schon bald, im Zuge sodann wahrhaft cool-dumpf-finsterer Zeiten, an das heutige knackig-beknackte Scene-Deutsch mit vielen Sehnsuchts-Vibrations erinnern wird.“ Das klingt prophetisch angesichts des Niedergangs der deutschen Sprache, den diese quer durch die Medien mittlerweile angetreten hat. Diesen Niedergang und bislang unerreichten Tiefpunkt hat Henscheid mit „Auweia“ drastisch und deutlich auf 126 Seiten dokumentiert – und das nach allen Regeln der Kunst. Der „Infantilroman“ ist böse und im besten Sinne arrogant; er ist nicht der schlechteste Teil von Henscheids Werk.
Eckhard Henscheid. Auweia. Antje Kunstmann Verlag, München, 2007. 144 Seiten, 14,90 €.