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Buchbesprechung vom 01.07.2007


Jean Améry. Die Schiffbrüchigen. Roman. (Klett-Cotta, 2007)

Der unaufhaltsame Abstieg des Eugen Althager

Von Rainer Clodius

Fast ein Menschenalter hat es gedauert, bis der Erstlingsroman des großen Essayisten Jean Améry jetzt endlich erschienen ist. „Die Schiffbrüchigen“ wurde 1935 in Wien beendet. In den letzten vorfaschistischen Jahren Österreichs fand sich kein deutschsprachiger Verleger mehr, der gewillt gewesen wäre, den umfangreichen Roman zu veröffentlichen. Améry ging ins Exil, wurde durch drei Konzentrationslager der Nazis geschleppt und fand sein Manuskript durch großen Zufall nach dem Krieg wieder. Aber auch nach 1945 waren die Versuche, den Roman in einem Verlagshaus unterzubringen, vergeblich.

Der Roman erzählt vom Scheitern seiner gestrandeten Figuren, vom gesellschaftlichen Abstieg und schließlich Tod im Wien der Jahre 1933 und 1934, das wenig später dem großdeutschen Nazireich einverleibt werden sollte. „Es geht um Eugen Althager, einen damals Vierundzwanzigjährigen, der vom fürsorglichen Vater, einem jüdischen Kaufmann, der in standesamtlicher Ehe mit einer christlich-frommen Halbjüdin verbunden war, schon bei seiner Geburt zum Katholiken bestimmt war.“ Eugen ist arbeitsloser Buchhändler, erfolglos versucht er eine Existenz als Schriftsteller: ein einziges Gedicht kann er an eine Zeitung verkaufen. Die monatliche Unterstützung eines Pariser Onkels reicht nicht zum Überleben, so dass er sich von seinen jeweiligen Geliebten aushalten lässt. Deren sozialer Status ist zugleich eine Spiegelung seines unaufhaltsamen gesellschaftlichen Abstiegs: auf die Buchhalterin Agathe folgt die aus Deutschland geflohene jüdische Schauspielerin Doris, schließlich versucht er sich dilettantisch als Zuhälter der Prostituierten Mimi. Glücklich ist er in seinen Frauengeschichten nicht: seine treue Freundin Agathe treibt er vorsätzlich selbst in die Beziehung zu einem Großbürger. Agathes Aufstieg in die Wohlhabenheit verläuft konträr zu Eugens Verelendung.
 
Parallel zur Geschichte Eugens werden die Vorboten der faschistischen Barbarei sichtbar. Auf den Straßen wird bereits lautstark antisemitisch gepöbelt. Betrunken gemacht vom faschistischen Rausch in Deutschland und der Niederschlagung des Generalstreiks 1934 tut sich das nazistische Potenzial in Wien keinen Zwang mehr an, großdeutschen Wahn und antijüdisches Ressentiment herauszuschreien. Eugen, den nichts mit den jüdischen Traditionen verbindet, stirbt schließlich im aus nichtigem Grund von einem nazistischen Studenten angezettelten Duell. Tragisch an diesem sinnlosen Todes ist vor allem, dass der tödliche Zweikampf nur stattfinden konnte, weil Eugen seine jüdische Herkunft verleugnet: die Korps-Regeln hätten dem völkischen Studenten das Duell mit einem nicht-arischen Gegner verboten.
 
Man merkt es dem Roman an, dass der Autor keine letzte Hand mehr an ihn legen konnte. Manche Stellen wirken noch ausgegoren und schwülstig, ein eher unvermittelter längerer Einschub (Monolog eines unbedeutenden Mädchens) wäre vielleicht vor Erscheinen getilgt worden. Doch unter dieser unfertigen Hülle spürt man bereits den großen Autoren, dem sein Erstlingswerk das ganze Leben am Herzen lag. Der Großstadtroman „Die Schiffbrüchigen“ ist zugleich auch ein großer Ideenroman, der sehr klug die Wurzeln des Irrationalismus und der unreflektierten Aufklärung im Nationalsozialismus ortet und selbstkritisch die eigenen irrationalen Wurzeln hinterfragt: „Alles, was die Kälte des Verstandes verdammte, was pochte auf die unerklärlichen und rätselhaften Mächte des Lebens, war den Freunden recht gewesen, ob es nun Klages oder Novalis, Nietzsche oder Blüher geheißen hatte.“
 
Zweiundsiebzig Jahre nach dem Entstehen und dreißig Jahre nach dem Tode Jean Amérys sind „Die Schiffbrüchigen“ nun endlich in gleich zwei Ausgaben erschienen: einmal als Einzelausabe und zeitgleich als Band der Améry-Werkausgabe. Dem Verlag ist herzlichst für die Großtat zu danken, den Roman, der zuletzt nur mehr als Gerücht existierte, endlich der Öffentlichkeit vorzulegen.

Jean Améry. Die Schiffbrüchigen. Roman. Klett-Cotta, Stuttgart, 2007. 330 Seiten, 22,00 €.



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