Barbara Gowdy. Hilflos. Roman. (Verlag Antje Kunstmann, 2007)
„Es ist Liebe“
Von Rainer Clodius
Wie in ihren früheren Roman schreibt Barbara Gowdy auch in „Hilflos“ über einen Außenseiter: Ron, ein schmieriger, fetter Mechaniker mit Hang zu antiken Staubsaugern, ist pädophil veranlagt. Er treibt sich um Schulen herum, wo er kleine Schulmädchen beobachtet. Als er die neunjährige Rachel entdeckt, ist er geradezu besessen von dem Gedanken, sie in seine Gewalt zu bekommen.
Celia, Rachels Mutter, lässt sie gelegentlich in der Hotelbar singen, in der sie ein Engagement als Barpianistin hat. In Rons Fantasie sind die Männer dort potenzielle Kinderschänder. Als er Rachel mit ihrer Mutter und deren Vermieter auf der Terrasse beobachtet, meint er zu sehen, dass Rachel vom Vermieter unsittlich berührt wird. Durch ein Kellerfenster sieht er Rachel in einem kahlen Raum: für ihn heißt das, dass Rachel dort gefangen gehalten wird.
Ron projiziert sein eigenes Verlangen in andere und hat damit die Rechtfertigung gefunden, Rachel in seine Gewalt zu bringen: „Es ist Liebe.“ Er entführt Rachel und sperrt sie bei sich in ein Kinderzimmer, das er in wochenlanger Vorarbeit liebevoll hergerichtet hat: „Wenn sie seine Tochter wäre, was würde sie nicht alles bekommen. Teppichboden, ein Himmelbett, Stofftiere, das schönste Puppenhaus der Welt.“ Seine Freundin Rachel, die in einer Art Affenliebe an ihm hängt, unterstützt ihn anfangs dabei, das Kind zu verstecken.
Hilflos ist in diesem Roman nicht nur Rachel, als das Opfer der Entführung, sondern das gesamte Personal des Romans: Ron, der seiner Obsession nicht entkommt, seine Freundin Nancy, selbst Rachels Mutter Celia in ihren vergeblichen Versuchen, die entführte Tochter zu finden. Alle – und das wirkt etwas dick aufgetragen – haben zudem schwer an ihrem jeweiligen Kindheitstrauma zu leiden.
Barbara Gowdys Einfall, wie Rachel schließlich tatsächlich befreit wird und so das Buch mit einer Art von Happy End abgeschlossen wird , ist geschickt und unerwartet. Allerdings sind die tragischen Momente des Schlusses tatsächlich in ihrer Versöhnlichkeit nicht frei von Kitsch. Das enttäuscht an diesem ansonsten spannend und routiniert erzählten Roman.
Barbara Gowdy. Hilflos. Roman. Verlag Antje Kunstmann, München, 2007. 336 Seiten, 19,90 €.