Ignacio Aldecoa. Gran Sol. Roman. (marebuchverlag, 2007)
„Jeder Tag auf See war schlecht“
Von Rainer Clodius
Fünfzig Jahre nach der Erstveröffentlichung liegt ein Klassiker der modernen spanischen Literatur, Ignacio Aldecoas Seefahrtsroman „Gran Sol“ endlich auf Deutsch vor.
Der 1925 geborene Ignacio Aldecoa gehörte zur „50er-Generation“ der spanischen Literatur, der „enttäuschen Generation“. Gegen eine von der Franco-Diktator ideologisch gedeckelte Literatur setzte sie die Beschreibung der Wirklichkeit, wie sie war. Aledecoa selbst formulierte es so: „In diesen mit Rhetorik überfrachteten Zeiten ist nur noch die Sprache der Dinge selbst zu verstehen.“
Bis zu seinem Tod im Jahre 1969 erschienen vier Romane, die als die ersten Bände eines auf drei Trilogien konzipierten Zyklus geplant waren. In ihnen lässt Aldecoa die Dinge und vor allem die Menschen für sich selbst sprechen. Es sind, wie Rafael Chirbes in seinem kundigen Vorwort zum Roman schreibt, „Menschen am Rande der Gesellschaft, die sich im Alltag heldenhaft verhalten, ohne dass sie es ahnen; Menschen, die keiner kennt und die keine andere Bezahlung verlangen als den – meist erbärmlichen – Monatslohn.“ Im weitgehend dialogisch angelegten Roman kommen sie zu Wort, werden dank der unübertrefflich realistischen Sprache in ihren Flüchen und Träumen vor dem Leser lebendig.
Die Helden des Romans „Gran Sol“ sind dreizehn kantabrische Fischer, die zu den Fischgründen des Gran Sol westlich von Irland aufbrechen. Das Meer hat nichts Romantisches für sie, die Kutterfahrten sind das Mittel, mit dem sie ihren kargen Lebensunterhalt erarbeiten. Dementsprechend simpel ist ihre Vorstellung von Glück: „gerade genug, damit die Frau im Laden die Lebensmittel bezahlen konnte, damit die Kinder weiter zur Schule gehen konnten.“ Wenn sie vom Besseren träumen, dann ganz pragmatisch davon, das Leben ohne die harte Fischerei fristen zu können: „Wenn ich könnte, würde ich auch aufhören. Ehrlich gesagt, würde ich das Meer liebend gern hinter mir lassen, lieber als jeder andere, weil es mir zum Hals raushängt und ich besser zu Hause bei meiner Frau und meinen Kindern bliebe.“ Die soziale Kritik bleibt unausgesprochen, aber der Leser versteht, was gemeint ist, wenn ein Fischer sagt: „Wenn es an Land anders aussähe, wäre ich längst runter vom Schiff.“
Der Roman beschreibt die Fahrt zu den Fanggründen von Petí Sol und Gran Sol, die vorzeitig endet, als der Kapitän vom eingeholten Schleppnetz erschlagen wird. Auf dessen Tod reagieren die Fischer abgeklärt: „Man sollte wenigstens mit dem Leben davonkommen, wenn man so viele Stürme erlebt hat. Aber stattdessen wird man mit den Füßen voran von Bord getragen, mit dem ganzen Dreck und den dummen Sprüchen in den steifen Knochen.“ Ihr magisches Denken besteht darin, davon überzeugt zu sein, selbst nicht auf See zu sterben.
Die Faszination, die der Roman unweigerlich auf den Leser ausübt, ist zum einen der ungeschminkten, nüchternen Sprache geschuldet, wie sie die Dialoge der Fischer prägt. Daneben stehen Beschreibungen des Meeres, die in ihrer Plastizität geradezu atemberaubend sind: „Das Meer zu beiden Seiten des Schiffs war eine gewaltige, muskelbepackte Dunkelheit, die den Rumpf bedrohte, ihn streichelte und auf ihn einschlug. Die vom Wolkenbruch gekörnte See zersplitterte den Widerschein der Schiffslichter. Am Bug stob das Wasser weiß auseinander. Ein Schlag von diesem Meer verursachte ein dumpfes Dröhnen, das langsam abschwoll, bis zum nächsten Schlag, einem weiteren Glied in der Kette.“
„Gran Sol“ ist der einzige unter den Romanen Aldecoas, der bis heute nicht ins Deutsche übersetzt wurde. Das war wohl nicht zuletzt in der Schwierigkeit begründet, dessen mächtige Sprache – und nicht zuletzt das maritime Vokabular – adäquat zu übertragen. Willi Zurbrüggen hat diese Aufgabe meisterhaft bewältigt, sodass jetzt endlich auch der deutsche Leser diesen grandiosen Roman genießen darf. Dem marebuchverlag ist die wichtigste und aufregendste literarische Wiederentdeckung dieses Frühjahrs zu danken.
Ignacio Aldecoa. Gran Sol. Roman. marebuchverlag, Hamburg, 2007. 299 Seiten, 22,90 €.