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Buchbesprechung vom 14.04.2007


Thomas Buergenthal. Ein Glückskind. (S. Fischer Verlag, 2007)

„Ein Glückskind“

Von Rainer Clodius

Thomas Buergenthal ist im wahrsten Sinne ein Glückskind, die Autobiografie seiner Kinder- und Jugendjahre trägt diesen Titel zu Recht. Mit zehn Jahren hat er zwei Ghettos, das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau und den Todesmarsch nach Sachsenhausen überlebt. Seine Biografie erzählt von vielen glücklichen Zufällen in schwerer Zeit.

Thomas Buergenthal wurde 1934 als Sohn deutscher Juden in der Tschechoslowakei geboren. Sein Vater emigrierte bereits 1933 aus Deutschland in die Tschechoslowakei und eröffnete dort zusammen mit einem Freund ein Hotel, in dem er im selben Jahr seine Frau und Thomas’ künftige Mutter kennenlernte und heiratete. Die relativ idyllischen Jahre finden 1938 ein jähes Ende, als die faschistischen Hlinka-Garden Buergenthals Hotel kassieren und die Familie gezwungen ist, mit dem Notwendigsten das Land in Richtung Polen zu verlassen. Die für den 1. September 1939 geplante Emigration nach England scheitert durch den Kriegsbeginn, woraufhin die Familie sich – inzwischen fast mittellos –in einer winzigen Einzimmerwohnung im jüdischen Ghetto von Kielce niederlässt. Als das Ghetto durch die Deutschen geräumt wird, gelingt es Buergenthal mit viel Glück, seine Familie vor der Deportation nach Treblinka zu retten, wo fast alle übrigen Bewohner des Ghettos ermordet werden.
 
Die Rettung der Familie erweist sich jedoch als nur vorläufig, bereits im Sommer 1940 erfolgt die Deportation nach Auschwitz-Birkenau. Gleich bei der Ankunft wird Thomas von seiner Mutter, die ins Frauenlager B eingewiesen wird, getrennt: er und sein Vater bleiben vorerst zusammen. Immerhin ist es nur einem unerhört glücklichen Zufall zu verdanken, dass die Familie bei der Ankunft im Vernichtungslager überhaupt von einer Selektion verschont blieb, die mindestens Thomas unmittelbar das Leben gekostet hätte. Dieses Glück wird Thomas Buergenthal auf unglaubliche Weise treu bleiben: knapp überlebt er den fast fünfjährigen Aufenthalt in Auschwitz ebenso wie den Todestransport ins Konzentrationslager Sachsenhausen kurz vor Kriegsende.
 
Thomas Buergenthal hat die Niederschrift seiner Erinnerungen erst ein halbes Jahrhundert nach der Befreiung begonnen. „Es kann auch sein, das ich, ohne mir darüber bewusst zu werden, den Abstand von über einem halben Jahrhundert brauchte, um mein früheres Leben aufzuschreiben, weil dieser Abstand mir erlaubte, auf eine objektivere Weise zu erzählen, ohne allzu sehr auf Details einzugehen, die für meine Geschichte nicht wirklich wesentlich sind.“ Diese Objektivität gelingt ihm, indem er für seinen Bericht die Perspektive des bei Ankunft im Vernichtungslager gerade einmal sechsjährigen Kindes wählt.
 
Erschreckend sind nicht zuletzt die Rationalisierungen, die das Kind aufbauen muss, um die Hölle der Vernichtungsmaschinerie wenigstens teilweise verdrängen zu können. „Nach einer Weile jedoch fand ich, unbewusst, einen Weg, mit den schrecklichen Bildern fertig zu werden: Im Schlaf, während ich den Albtraum hatte, hörte ich mich selbst sagen: ‚Es ist nur ein Traum, man braucht keine Angst davor zu haben.’ Dann verschwand der Albtraum. Wenn ich später von den grässlichen Schreien der ins Gas getriebenen Menschen halb erwachte, verwandelte mein Unbewusstes diese Szenen in Träume und ich schlief weiter.“
 
Nach der Befreiung ist es dann einem wohl einzigartigen Zufall zu verdanken, dass sich Thomas und seine Mutter nach der Befreiung wiederfinden (sein Vater wurde im Lager Flossenbürg ermordet). Thomas hielt sich zu dieser Zeit in einem jüdischen Waisenhaus in Polen auf, seine Mutter war in Göttingen untergekommen. „Man muss sich vor Augen halten, dass damals Millionen von Leuten nach verlorenen Angehörigen und Freunden suchten; dennoch wurde ein Angestellter der Jewish Agency unter einer riesigen Anzahl von Bitten, die sein Büro erreichten, auf einen Brief aufmerksam, in dem stand, dass eine gewisse Mrs. Gerda Buergenthal in Deutschland nach ihrem Kind suchte. Daraufhin erinnerte er sich, dass er mehrere Tage zuvor den gleichen Familiennamen auf einer Liste von Kindern eines Waisenhauses in Polen gesehen hatte, die nach Palästina gebracht werden wollten. Angesichts der Tatsache, dass dieser Angestellte der Jewish Agency in jener computerlosen Zeit sich bei seiner Suche einzig auf sein Gedächtnis verlassen musste, grenzt es an ein Wunder, dass es ihm gelang, mich und meine Mutter miteinander in Verbindung zu bringen.“
 
Eine bittere Erfahrung war es für Thomas Buergenthal, dass Deutschland nach Kriegsende schnell wieder zur Normalität überging. Die Beobachtung der sonntäglich spazieren gehenden Deutschen lässt in ihm den Wunsch aufkommen, mit einem Maschinengewehr dazwischenzuhalten. Nur langsam reift in ihm die Erkenntnis, „dass man nicht hoffen kann, die Menschheit gegen ungeheuerliche Verbrechen wie die, deren Opfer wir geworden waren, zu schützen, wenn man sich nicht darum bemüht, den Teufelskreis von Hass und Gewalt zu durchbrechen, der unvermeidlich dazu führt, dass unschuldige Menschen immer weiter leiden müssen.“
 
Buergenthal hat seither sein Leben in den Dienst der Menschenrechte gestellt. Seit 2000 ist er Richter am Internationalen Gerichtshof in Den Haag. In einem Interview mit dem Deutschlandfunk sagte er: „Ich wollte nie Anwalt werden und merkte auf einmal, dass es für mich nur einen Beruf gab, und das waren Völkerrechte und Menschenrechte, dass ich einfach verstand, wie man sich fühlt, wenn man seine Menschenrechte nicht hat. Und deshalb musste ich etwas auf diesem Gebiet machen.“
 
Thomas Buergenthals Erinnerungen sind ein bewegendes Zeugnis dafür, welche Leiden der Mensch dem Menschen zufügen kann. Sie erklären nicht das Grauen des Holocaust, aber sie sind ein wichtiger Beitrag, seine Opfer der Anonymität zu entreißen.

Thomas Buergenthal. Ein Glückskind. S. Fischer Verlag, Frankfurt/M., 2007. 271 Seiten, 19,90 €.



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