Massimo Carlotto. Arrivederci amore, ciao. (Tropen Verlag, 2007)
Eine Frage des Geldes
Von Rainer Clodius
In seinem Roman „Arrivederci amore, ciao“ zeigt Massimo Carlotto, was die kapitalistische Welt zusammenhält.
Giorgio Pellegrini, der Protagonist des Buchs, hat als Linksterrorist einen Mord begangen und ist nach Mittelamerika geflüchtet, wo er sich einer Guerillagruppe angeschlossen hat. Dort spielt der Prolog des Buchs, das damit beginnt, dass Giorgio skrupellos seinen mit íhm geflüchteten Freund erschießt. Schließlich kehrt er nach Italien zurück und erpresst seine Genossen: einer soll den von Giorgio begangenen Mord gestehen – anderenfalls würde er eine ganze Reihe ehemaliger Genossen hochgehen lassen. Nachdem er dies geregelt hat, tritt er eine Haftstrafe an, die durch Mithilfe eines korrupten Polizisten auf ein Mindestmaß reduziert wird.
Sämtliche kriminellen Handlungen Giorgios im weiteren Fortgang der Romanhandlung dienen nur dem einem Ziel, sich eine ehrenwerte bürgerliche Existenz aufzubauen. Giorgio weiß, was die Gesellschaft im Innersten zusammenhält: „Geld. Ich brauchte Geld, um aus dem Scheißdreck rauszukommen, in dem ich gelandet war. Dann würde ich eine angesehene Position einnehmen und von Kopf bis Fuß picobello gekleidet durchs Zentrum spazieren, mit gelassenem Siegerlächeln. Denselben Irrtum wie alle, die ich in San Vittore gesehen hatte, würde ich nicht begehen: als kleiner Verbrecherarsch Geld machen zu wollen. Wer es so angeht, hat nur eine einzige Aussicht, nämlich den Knast. Nur wenn das Geld gesellschaftlichen Aufstieg versprach, war es wert, dafür vor Gericht gezerrt zu werden.“
In diesem System ist kein Platz für moralische Skrupel. Auch sein folgender, bis dahin größter Coup ist nur Mittel zum Zweck der gesellschaftlichen Akzeptanz: der Überfall auf einen millionenschweren Geldtransport, den er zusammen mit dem korrupten Polizeioffizier Anedda unternimmt. Der Raubüberfall, bei dem außer den Wachleuten auch die Kumpane Giorgios und Aneddas, drei spanische Terroristen und zwei kroatische Söldner, hingerichtet werden, verhilft ihm zu den finanziellen Mitteln, sich in die bürgerliche Gesellschaft einzukaufen. Er wendet sich an den Anwalt Brianese, für den selber Moral und Reichtum identisch sind: „Hier bei uns ist es egal, woher das Geld kommt. … Es darf nur nicht nach unsauberen Geschäften riechen, sondern muss nach harter Arbeit und produktiver Intelligenz duften.“ Mit Hilfe des Geldes und des Anwalts übernimmt er in einer norditalienischen Stadt ein Restaurant und baut sich eine bürgerliche Existenz auf. Einmal noch holt ihn auf diesem Wege die Vergangenheit in Gestalt Aneddas ein, aber Giorgio weiß sich zu helfen. Welche Opfer das kostet und wie der Titel des Romans (übrigens das Zitat eines Hits von Caterina Casselli) zum fulminanten Schluss endlich seinen perfiden Sinn erhält, soll hier jedoch nicht verraten werden.
Carlotto wirft einen illusionslosen Blick auf die kapitalistische Gesellschaft und ihre Mechanismen: Ziel ist die Macht und das Mittel zum Zweck ist das Geld. Giorgios mephistophelischer Ratgeber Brianese ist Beispiel dafür, wie dieses System gelebt wird: „Brianese hatte begriffen, dass die berühmte ‚Lokomotive’, wie die Medien es nannten, nämlich das nordostitalienische Wirtschaftsmodell, in dem sich legale und illegale Wirtschaft zu einem einzigen System mischten, die Möglichkeit bot, nicht nur Reichtum, sondern auch eine beträchtliche Machtposition zu erringen. Und diese Möglichkeit wusste er intelligent zu nutzen. Geschäfte, Verbrechen und Politik. Die Mafia moderner Prägung hatte Schule gemacht.“ Giorgio hat seine Lektion schnell gelernt. Sein Zynismus und seine ätzende Kaltschnäuzigkeit sind frei von aller Notwendigkeit, mit moralischen Kategorien argumentieren zu müssen.
Massimo Carlotto ist einer der bekanntesten Krimiautoren Italiens. Er selbst wurde als Mitglied der linksradikalen Gruppe Lotta Continua wegen Mordes zu Unrecht verurteilt und nach sechsjähriger Haft aufgrund öffentlichen Drucks durch den italienischen Staatspräsidenten begnadigt. Die Erfahrungen während der Haft haben sicherlich geholfen, seinen Blick für gewisse gesellschaftliche Verhältnisse zu schärfen. Mit den großen Aufklärern verbindet ihn die unsentimentale und unbestechliche Sicht der Dinge, die auch seinen Roman „Arrivederci amore, ciao“ zum Ereignis macht.
Massimo Carlotto. Arrivederci amore, ciao. Tropen Verlag, Berlin, 2007. 192 Seiten, 18,80 €.