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Buchbesprechung vom 30.04.2007


Christina von Braun. Stille Post. Eine andere Familiengeschichte. (Propyläen, 2007)

Verdrängung und Bewahrung

Von Rainer Clodius

Die Filmemacherin Christina von Braun schreibt die Geschichte ihrer Familie: Nicht die publizierte, offizielle Geschichte, wie sie in den Memoiren des männlichen Zweiges ihrer Familie steht, sondern die Familiengeschichte, die als „Stille Post“ übermittelt wurde.

Von Braun schreibt von dem, was innerhalb der Familie als „Stille Post“ überliefert wurde: in Tagebüchern und Briefen, aber viel mehr auch im Nicht-Gesagten, Verdrängten oder nur Angedeuteten. „Die Sprache ist das einzig unverzichtbare Instrument der Psychoanalyse: nicht nur die Worte, auch die Auslassungen, das Schweigen, die Versprecher und all das, was sonst noch beim Sprechen passiert. In dieser Hinsicht ähnelt die Psychoanalyse der ‚Stillen Post‘.“
 
Die Biografie ihrer Familie handelt vor allem von dem, was drei Frauen dieser Familie ihr überliefert haben: Hildegard Margis, ihrer Großmutter, Hilde von Braun, ihrer Mutter und Emmy von Braun, der Mutter von Hildes Mann.
 
Unbestritten wichtigste Person des Buches ist Christina von Brauns Großmutter, Hildegard Margis. Sie war durch Haushaltsbücher Ende der 1920er Jahre eine der best verdienenden Frauen Deutschlands geworden und in Frauenorganisationen aktiv. Während des Nationalsozialismus blieb sie in Deutschland, sorgte allerdings dafür, dass ihre Kinder Deutschland verließen. Nach der Pogromnacht 1938 leistete sie geradezu selbstmörderische Hilfe für jüdische Bekannte. „Als am 9. November 1938 jüdische Läden geplündert wurden, nahm sie ihr Auto und half jüdischen Freunden, ihr Lager zu räumen und die Textilbestände zu retten. Sie brachte die Sachen in ihrem Haus unter. Ab nun kamen Leute in die Lyckallee, um dort Kleidung zu kaufen.“ Später geriet sie in Verbindung zum illegalen kommunistischen Widerstand, was sie schließlich in Gestapo-Haft brachte, wo sie kurz darauf starb. Dass Hildegard so genannte „Halbjüdin“ war, wurde als Familiengeheimnis jahrelang verschwiegen, wohl auch, um die Hochzeit ihrer Tochter Hilde mit dem Diplomaten Sigismund von Braun, eines Bruders des Raketeningenieurs Wernher von Braun, nicht zu gefährden.
 
Christina von Brauns Mutter Hilde zerbricht an einer Liebesaffäre mit einem katholischen Geistlichen im Vatikan, wo ihr Mann im diplomatischen Dienst akkreditiert ist und wird Zeit ihres Lebens von Depressionen geplagt. Die Tagebücher Hildes, sowie deren Schwiegermutter Emmy von Braun, sind die Quelle für den zweiten Teil des Buches von Christina von Braun. Dabei ist besonders interessant, wie Emmy von Brauns Tagebuch von ihrem Mann Magnus von Braun skrupellos ausgebeutet und in die eigenen Tagebücher übernommen oder umgeschrieben wurden. Bezeichnend aber ist auch, wie in Emmys Originalversion die Hitler-Diktatur praktisch nicht vorkommt und lediglich über die eigene Vertreibung aus Schlesien lamentiert wird.
 
Ohne Distanz und vor allem nachträglich unbearbeitet geben die Tagebücher eine sehr subjektive Wahrnehmung der großen Geschichte wieder, die aber – wenn man all das Ungesagte und Verdrängte einbezieht, dem Christina von Braun geradezu psychoanalytisch nachspürt – vielleicht der wahren Geschichte näher kommt, als die bewusst für ein öffentliches Leserpublikum aufbereiteten und umgeschriebenen Memoiren der Männer.
 
Die Stärke des Buches liegt weniger in der Sprache, die teils etwas spröde und karg ist. Sein Wert liegt im Blick auf die Menschen: „Stille Post“ ist die äußerst sensible Niederschrift von drei jeweils auf ihre Weise bemerkenswerten weiblichen Biografien aus Deutschland.

Christina von Braun. Stille Post. Eine andere Familiengeschichte. Propyläen, Berlin, 2007. 420 Seiten, 22,00 €.



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