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Buchbesprechung vom 03.03.2007


Antje Ravic Strubel. Kältere Schichten der Luft. Roman. (S. Fischer Verlag, 2007)

Wildniserfahrung mit null Komfort

Von Rainer Clodius

Antje Rávic Strubel berichtet in ihrem neuen Roman von Lagerkoller und unerfüllter Liebe.

In einem Kanu-Camp in Schweden arbeiten Aussteiger und mehr oder weniger durch Hartz IV bedrohte Existenzen aus Deutschland. „Uns hatte es alle aus ähnlichen Gründen hier angespült. Marco war von Osteuropäern auf dem Bau ersetzt worden; Sabine wurde als Landwirtschaftsökonomin nicht mehr gebraucht, das Schweinefutter berechnete jetzt eine Maschine. Und nur bei Svenja und Wilfried, dem mit Abstand Ältesten, hätte man sagen können, dass der Abstieg nicht eine Folge der Wende war; Svenja hatte über ihren Demos gegen BAföG-Kürzung und Studiengebühren irgendwann den Anschluss verpasst, und Wilfried war von einer Kölner Computerfirma, die Personal sparen wollte, in die Frührente entlassen worden.“ Die Arbeit im Camp während der Sommermonate gibt ihnen das Gefühl des Gebrauchtwerdens und einer sinnvollen Tätigkeit, das ihnen die heimische Wirklichkeit nicht mehr vermitteln kann.
 
Auch die Ich-Erzählerin Anja hat es hierher verschlagen: sie folgt dem Anzeigenversprechen von „Wildniserfahrung mit null Komfort“ und flieht aus Halberstädter „Neubaublocks und Antragsbürokratie“: „Hier fing ich an, Halberstadt zu vergessen, die Glatzen, die frischverglasten Fassaden, die Arbeitsagentur.“
 
Eines Tages taucht unvermittelt eine fremde junge Frau im Camp auf, in die sich Anja heftig verliebt. Einigen der übrigen Campbewohner, allen voran der jähzornige ehemalige DDR-Grenzsoldat Ralf, ist diese Verliebtheit ein Dorn im Auge; der durchaus kleinbürgerliche Zusammenhalt des Camps beginnt zu bröckeln.
 
Gewalt im Camp wurde ausgeblendet, wie die Ich-Erzählerin mit leichter Ironie berichtet: „Man pöbelte nicht. Es gab keine Gewalt. Die Menschen knickten lautlos weg. Sie strauchelten auf dem Heimweg, sie torkelten, sie schlugen hin, sie prallten gegen Lastwagen, sie fielen vom Rad. Seltsame Unglücksfälle traten im Sommer häufig auf; man hing im Elektrozaun, man fuhr sich ein Rasenmähermesser ins Bein, die Kette schnellte von einer Motorsäge und zerschlug ein Gesicht, immer wieder kippte jemand betrunken in den See und ertrank.“ Je weiter sich die Liebesgeschichte zwischen der Fremden und der Ich-Erzählerin entwickelt, um so mehr wird Gewalt und Ausgrenzung im Camp manifest: Es beginnt „harmlos“ damit, dass ein Fußball mit „No Gays“ beschmiert wird. Anja wird Opfer eines Vergewaltigungsversuchs, aus der Campkasse wird Geld gestohlen, die eifersüchtige Svenja versucht Anja zu erpressen. Am Ende dieser Kette wird eine tödliche Katastrophe stehen. Die Idylle hat sich als scheinbar entlarvt, der kleinbürgerliche Horror wird offensichtlich: „das Camp war eng geworden, eng wie die Wohnung in Halberstadt.“
 
Parallel zu dieser Enthüllung des Gewaltpotenzials innerhalb der Camp-Gesellschaft vollzieht sich eine andere Metamorphose: Anja, von der Fremden stets mit dem Namen ihres verlorenen Geliebten, des Schiffsjungen Schmoll, angeredet, nimmt diese Rolle nach erstem Zögern an. Sie wird bei den Treffen mit der Fremden immer mehr mit der Rolle dieses Anderen verschmelzen. Wie Antje Rávic Strubel diese Verwandlungen in kristallklarer, lichter Sprache beschreibt, ist meisterhaft.
 
Die drei Schichten des Romans – Gesellschafts- und Liebesgeschichte, daneben die Kriminalgeschichte, von der hier nichts weiter verraten werden soll – ergänzen sich nahtlos und zwingend. Keine der Ebenen wirkt aufgesetzt oder ist künstliches Beiwerk. Antje Rávic Strubel ist mit „Kältere Schichten der Luft“ ein wunderbarer Roman gelungen, mit dem sie sich die Nominierung für den Leipziger Buchpreis 2007 voll und ganz verdient hat.

Antje Ravic Strubel. Kältere Schichten der Luft. Roman. S. Fischer Verlag, Frankfurt/M., 2007. 192 Seiten, 17,90 €.



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